Brandenburgischer Pädagogen-Verband


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Klaus Wünsche – 20 Jahre ein Turm im BPV

 

Laudatio von Dr.h.c. Albin Dannhäuser
Dahlewitz 30.10.2010

Klaus Wünsche gibt sein Amt als Vizepräsident des Brandenburgischen Pädagogen-Verbandes nach über 20 Jahren zurück. Mit ihm verlässt nicht nur ein Stammspieler das Feld, sondern ein Turm. Das ist ein tiefer Einschnitt – im BPV und in seinem Leben. Aber wir dürfen sicher sein, dass Klaus Wünsche dem Verband verbunden bleiben wird, wenn auch auf andere Weise. Denn er ist, seitdem wir ihn kennen, ein „homo politicus“. Er war nie Zuschauer, sondern mischte sich ein. Er war kein Zauderer, sondern handelte und zog andere mit.

Diesen politischen Antrieb bewies er bereits in den ersten Wochen der Wende in Deutschland. Er war ein „Mann der ersten Stunde“. Schon im Januar 1990 publizierte er in der Deutschen Lehrerzeitung einen Aufruf „Zur demokratischen Erneuerung“. Dieser fand ein DDR- weites Echo. Zusammen mit Bernd Möbius formierte er eine „Initiativgruppe des Bezirkes Cottbus“ und rief zur Gründung eines „Unabhängigen Lehrerbundes der DDR“ auf.

Am Schluss des Aufrufs heißt es: „Die Vertreter der Initiativgruppe des Bezirks Cottbus folgen der Einladung der Berliner Gruppe zur Beratung bzgl. der Gründung des Lehrerbundes.“ 7.2.90 15.00 Uhr, Haus des Lehrers; Berlin, Zi. 1102.

Natürlich war Klaus Wünsche dort präsent und wir sind uns zum ersten Mal begegnet. Der Saal war rappelvoll. Die Versammlung war allerdings ziemlich unorganisiert. Die Einführungsreferate hörten sich etwas kryptisch an. Aber das haben alle durch die euphorische Stimmung ausgeglichen. Auch Klaus Wünsche ergriff das Wort. Er skizzierte knapp die Schwerpunkte des Cottbuser Aufrufs und verlangte eine systematische Vorgehensweise beim Aufbau eines demokratischen Pädagogen-Verbandes. Es war klar: Da redet einer, der die historische Wende und die Chance zum Neuanfang schneller erfasst hat als viele andere.

Diese Chance und die Notwendigkeit zu handeln, hat Klaus Wünsche in den folgenden 20 Jahren nicht mehr losgelassen. Er hat sich in den BPV und VBE eingebracht mit den Qualitäten, die nach Max Weber einen Politiker auszeichnen. Nämlich:

  1. Mit Verantwortungsgefühl

  2. Mit sachlicher Leidenschaft und

  3. Mit distanziertem Augenmaß.

 

1.Verantwortungsbewusstsein

Seine Verantwortung definiert er zusammen mit Bernd Möbius bereits im ersten Aufruf. Darin heißt es: „Die Mitgliedschaft im Lehrerbund ist unabhängig von der Staatsbürgerschaft, Weltanschauung, Parteizugehörigkeit und Funktion“. Als Prinzipien des verbandspolitischen Verständnisses werden betont: die zentrale Erziehungsverantwortung, das Recht auf pädagogische Freiheit, auf Mitsprache, auf soziale Absicherung und gesellschaftliche Anerkennung der Lehrer und Erzieher. Innerhalb der Kern- und Keimzelle des BPV, zu der auch Monika Barwisch gehörte, engagierte sich Klaus Wünsche für eine „ freie, parteipolitisch unabhängige, weltanschaulich offene Berufsorganisation“ für Lehrer aller Schularten und Pädagogen aller Bildungsstufen unter einem Dach.

In einem Brief vom 28.03.1990 an den damaligen Bundesschatzmeister des VBE Bernd Rupp informiert Klaus Wünsche über den Stand der Verbandsgründung am 21.4.1990 und fügt hinzu: „Ich bin immer zuversichtlicher, dass auch unser brandenburgischer Pädagogen- Verband ein gesundes und rasch wachsendes Kind wird…“ Er schließt: „Nun ist es schon wieder nach 22.00 Uhr und für 5 Stunden Unterricht ist auch noch etwas zu tun…“

Klaus Wünsche ist ein Pflichtmensch. Das spiegelt sich in einer Reihe von Funktionen und Aufgaben, die er seit der Gründung des BPV wahrgenommen hat:

  • über 20 Jahre Vizepräsident des BPV,

  • 14 Jahre stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung,

  • Ebenso lange Mitglied des Bundeshauptvorstandes des Deutschen Beamtenbundes und Mitarbeiter im DBB- Verlag,

  • Seit 1992 Mitglied des Hauptpersonalrats im MBJS- Brandenburg.

 

2. Sachliche Leidenschaft

Klaus Wünsche hat in allen seinen Funktionen mit leidenschaftlichem Engagement gekämpft für ein Bildungswesen, das allen jungen Menschen gerecht wird. Er war geradezu penetrant mit seinem „ceterum censeo“, dass nämlich Professionalisierung und Anerkennung der pädagogischen Berufe die Schlüsselfrage des gesamten Bildungswesens ist.

Exemplarisch dafür war seine eindringliche Rede 1991 bei einer Demonstration mit 18.000 Teilnehmern. Er hielt damals der Öffentlichkeit und Politik die brennendsten Probleme vors Gesicht wie eine unbezahlte Rechnung: Die Sorge um die Entwicklung des Schulwesens und den Mangel an Ausbildungsplätzen für Schulabgänger, die Angst um Arbeitsplätze, die miserable Bezahlung der Lehrer, die sie „an den Rand der Gesellschaft drängt“, die „diskriminierende Übergangs- Besoldungsverordnung“.

1992 stellte er bei einer Bundespressekonferenz fest: „Die Gleichstellung der Lehrerinnen und Lehrer in Ost und West ist eine Frage der Würde im Beruf, denn Andersartigkeit der Ausbildung darf nicht mit Minderwertigkeit verwechselt werden.“

Klaus Wünsche setzte sich massiv ein für die vollständige Anerkennung der Berufsabschlüsse, für Kündigungsschutz, für die unverzügliche Einleitung der Verbeamtung, für einen Einstellungskorridor für junge Lehrer, für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und für die Minimierung von Versetzungen. Nicht weniger stark machte sich Klaus Wünsche für das Recht und die Pflicht von Pädagogen zur Mitsprache in der Personalvertretung und in der Politik. Zitat:

„Wir wollen und müssen auch zeigen, dass Lehrerinnen und Lehrer als Experten für Schule, Bildung und Erziehung zur Einmischung und Mitsprache in unsere ureigensten Angelegenheiten kompetent sind“.

 

Deshalb hat Klaus Wünsche auch an den Konturen des Schul- und Bildungswesens in Brandenburg prägend mitgearbeitet: An der Entwicklung des Schulgesetzes, an der Schulorganisation – vor allem bei der Einführung der 6-jährigen Grundschule, am Modell der Sekundarstufe, an der dualen Berufsausbildung und an der Förderschulverordnung. Mit heißem Herzen wehrte er sich gegen eine zu frühe Auslese und ein unpädagogisches Leistungsverständnis. Zitat: „Durch die Leistungsselektion wird die ungleiche soziale Teilhabe politisch und öffentlich-rechtlich sanktioniert und legitimiert“, sie begründet bereits bei Kindern einen unsolidarischen Handlungstypus und führt bereits im Entwicklungsalter zu hohen Selbstwertbelastungen und Identitätsstörungen“. - Mit dieser Überzeugung stieß Klaus Wünsche nicht überall auf Begeisterung. Für einige Bruderverbände im DBB überschritt er damit eindeutig den bildungspolitischen Rubikon.

 

Klaus Wünsche forderte unverdrossen bessere Lernbedingungen für Schüler und bessere Arbeitsbedingungen für Lehrer und Erzieher. Er plädierte leidenschaftlich für ein Schul- und Bildungswesen, das „sich am Wohl des Kindes orientiert – und zwar an jeden einzelnen mit seinen individuellen Stärken und Schwächen orientieren, im Sinne seiner allseitigen Entwicklung“.

Vor allem in den Gremien des Bundesverbandes erinnerte Klaus Wünsche immer wieder an die Einheit von Ost und West. Er mahnte, die Mauer auch in den Köpfen einzureißen. Und er forderte einen verantwortungsvollen Umgang mit den „Ost-Biografien“, in die sich die wenigsten im Westen hineinversetzen konnten.

Mit sachlicher Leidenschaft verteidigte er die Profession, Verantwortung und Würde unseres Berufsstandes. Darin – und als pädagogisches Gewissen - war er eine unüberhörbare Stimme für seine Kolleginnen und Kollegen in den „neuen Ländern“.

 

3.Distanziertes Augenmaß

Jeder, der mit Klaus Wünsche zusammengearbeitet hat, muss ihm attestieren, dass er ein Mensch mit Augenmaß ist. Vielleicht liegt das an den Fächern, die er unterrichtet -Mathematik, Physik und Informatik. Vielleicht hängt das mit seinem systematischen Bildungsgang zusammen vom Elektromonteur bis zum Studiendirektor und Oberstufenkoordinator. Möglich ist auch ein Zusammenhang mit seinem Hobby als Schachspieler. Immerhin war er Übungsleiter in der Ausbildung junger Schachspieler. Er hat gelernt, dass man in der Politik genauso besonnen vorgehen muss wie beim Schachspiel. Hans Jochen Vogel hat diese Besonnenheit einmal so präzisiert: Man muss nachdenken über „die Folgen und über die Folgen von Folgen“.

 

Klaus Wünsche arbeitete nach dem Grundsatz „Kooperation statt Konfrontation“ - zumindest wenn er sich mit einigermaßen berechenbaren Partnern um die Sache mühte.

Distanziertes Augenmaß prägte und prägt auch den persönlichen Stil von Klaus Wünsche. Er hört zu. Aufmerksam und sehr lange. Er analysiert rational und „messerscharf“ – wie Ludwig Eckinger sagen würde. Er ist skeptisch gegenüber vorgefertigten Antworten. Gleichwohl äußert er Kritik immer konstruktiv und rücksichtsvoll – ohne Verletzungen. Es ist nicht bekannt, dass er irgendjemanden einmal persönlich beleidigt hätte. Er verfolgt die verbandspolitischen Ziele mit freundlicher Beharrlichkeit und beharrlicher Freundlichkeit. Er setzt nicht auf spritzige Effekte und spektakuläre Inszenierungen, sondern auf Sachlichkeit und – eben Augenmaß. Er ist kompromissbereit, aber nicht gefällig. Er verfügt über die Gabe, zu vermitteln und verknotete Diskussionen aufzulösen. Er überzeugt durch seine unpathetische Eindringlichkeit und durch seine leise Autorität.

Klaus Wünsche war als Verbandspolitiker und Kollege ein Glücksfall.

In der Sachpolitik war er ein realistischer Visionär, ein Denker mit weitem Horizont, zuverlässiger Mitstreiter, ein Fels.

Bei Sitzungen war er ein angenehmer Tischnachbar mit feinem Humor und geistreichen Zwischenrufen.

Nachts an der Bar war er ein einfühlsamer Mensch, mit dem man die wesentlichen Fragen des Lebens besprechen konnte.

 

Lieber Klaus,

Der VBE- Bundesverband und Deine Heimatorganisation, der Brandenburgische- Pädagogen-Verband, haben Dir sehr zu danken für Deine berufs- und bildungspolitische Lebensleistung, für Deine freundschaftliche Kollegialität und wohltuende menschliche Art. Als Zeichen dieses Dankes wurde Dir 2004 die Ehrenmitgliedschaft des VBE- Bundesverbandes verliehen. Ich denke, dass ich auch im Namen unseres Bundesvorsitzenden Udo Beckmann feststellen darf: Du hast Dich um Bildung und Erziehung und um die Pädagogen in Deutschland verdient gemacht.

Lieber Klaus, als Gründungsmitglied und Stammspieler wirst du jetzt das verbandspolitische Spielfeld verlassen. Aber du wirst die Entwicklung sicher weiterhin begleiten. In angemessener Nähe und Distanz. Vorwiegend von der Tribüne aus. Manchmal wirst Du aber auch in die Kabine kommen und den Aktiven Mut machen.

Als langjähriger Wegbegleiter wünsche ich Dir von Herzen das Beste. Vor allem ein Höchstmaß an Erfüllung in Deiner Familie – mit Deiner Frau und mit Deiner Tochter Anna- Maria.

 


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